Thüringischer Akademischer Singkreis e. V.     
 

Jubiläumskonzerte
»40 Jahre TASK«

22. Mai 2009, 19:30 Uhr, Peterskirche Görlitz
23. Mai 2009, 18 Uhr, Dreikönigskirche Dresden

Programm

Ildebrando Pizzetti (1880-1968)
Tre composizioni corali (1942-1943)
    1. »Cade la sera«
    2. »Ululate, quia prope est dies Domini«
    3. »Recordare, Domine«
für fünfstimmigen gemischten Chor

Johannes Brahms
Präludium und Fuge g-Moll WoO 10
für Orgel

Mauricio Kagel (1931-2008)
Mitternachtsstük
    I. Mitternachtsstük
    II. Mitternachtsstük aus Selene
    III. Nachtphaläne in der Selene
    IV. Altarblatt
für Stimmen und Instrumente über Fragmente aus dem Tagebuch von Robert Schumann, komponiert 1980–81 (Satz I bis III) bzw. 1986 (Satz IV)

Pause

Johannes Brahms (1833-1897)
Sieben Lieder für gemischten Chor, op. 62 (1874)
    1. »Rosmarin«
    2. »Von alten Liebesliedern«
    3. »Waldesnacht«
    4. »Dein Herzlein mild«
    5. »All meine Herzgedanken«
    6. »Es geht ein Wehen«
    7. »Vergangen ist mir Glück und Heil«

Robert Schumann (1810-1856)
Skizzen für den Pedalflügel op. 58 (1845)
    I. Nicht schnell und sehr markiert
    II. Nicht schnell und sehr markiert
    III. Lebhaft
    IV. Allegretto
für Orgel

Gustav Mahler (1860-1911)
»Ich bin der Welt abhanden gekommen«
1983 für 16 Stimmen bearb. von Clytus Gottwald (geb. 1925)

Bernd Englbrecht (geb. 1968)
»Verstohlen geht der Mond auf«
Abendlied für achtstimmigen Chor

Ausführende

Thüringischer Akademischer Singkreis
Johannes Unger, Orgel
Jörg Genslein, Leitung

Ensemble TASKforce

Maria Husmann, Sprecherin
Tobias Schäfer, Tenor (Prinz)
Ulrike Hildebrandt, Sopran (Selene)
Arndt Begrich, Bariton (Gerippe)
Andreas Müller, Bariton (Gustav)
Violine: Ulrike Bassenge, Violine
Simon Tischler, Flöte
Daniel Rothe, Bassklarinette
Andrea Müller, Tuba
Aline Khouri, Harfe
Georg Wieland Wagner, Schlagzeug
Stefan Rindt, Schlagzeug
Sabine Klinkert, Celesta und Harmonium

Zum Programm

Den Entschluss, sein Leben der Musik, genauer der Oper, zu verschreiben fasste Ildebrando Pizzetti nach einer Begegnung mit dem greisen Verdi. Geschult an Gregorianik und klassischer Vokalpolyphonie schloss er sich später nicht der Avantgarde an, sondern pflegte einen spätromantischen Stil, in dem bildhaftes Erzählen und greifbare Dramatik die Säulen des musikalischen Empfindens bilden. Wie in den Madrigalen Monteverdis sollte seine Musik dem vertonten Wort „dienen“ und nicht umgekehrt; die Tre composizioni corali (1942–43) veranschaulichen dieses Prinzip sehr plastisch. So ist Cade la sera nach einem Text des Pizzetti nahe stehenden Gabriele d'Annunzio ein Stimmungsbild, das in eleganten tonmalerischen Gesten eine friedliche Abendszenerie entwirft. Ululate, quia prope est dies Domini beschwört dagegen das biblische Diktum von Sünde und Strafe, von Bitte und Gnade mit plastischen Mitteln herauf und verwendet eine flehentlich-rezitativische Deklamation, wie sie besonders in Pizzettis Opern zum Tragen kommt; seinen eher traditionellen Chorwerken wird damit eine unverwechselbare Dramatik verliehen. Recordare, Domine ist schließlich die ergreifende Umsetzung der Klagelieder, in der die Facetten menschlichen Leids bis zum erlösenden Tu autem, Domine durchmessen werden und die vor dem Hintergrund der Entstehungszeit umso unmittelbarer wirkt. Das elegische einleitende Thema wird später im langsamen Satz von Pizzettis Violinkonzert wiederkehren.

Der im letzten Jahr verstorbene Mauricio Kagel öffnete sich dagegen schon früh allen Strömungen der Neuen Musik und stellte mit seiner vielseitigen Arbeit die traditionelle Auffassung von Musik, Musikgeschichte, Interpretation und Kunstwerk immer neu in Frage. Das Mitternachtsstük ist eine eigensinnige Auseinandersetzung mit der Romantik, in der szenische und musikalische Gestaltung durch moderne Techniken verwoben werden. Die vier Sätze verwenden schaurig-groteske Tagebucheinträge des 18jährigen Robert Schumann, in denen durch Erzählung und Dialog Fragen nach Lebenssinn und Vergänglichkeit gestellt werden. Zum abwechselnd sprechenden und singenden Chor schreibt Kagel eine Besetzung vor, die zum konventionellen Instrumentarium wie Violine oder Flöte außerdem Dinge wie Papierknäuel, Eisenketten oder Champagnerflaschen verlangt, mit denen er das Erzählte hintersinnig illustriert. Dabei bleibt er nicht bei der lautmalerischen Umsetzung der narrativen Ebene stehen, sondern formt eine komplexe – und sicher auch augenzwinkernde – Durchdringung von Schumanns unerwartet abgründiger Gedankenwelt mit seiner experimentellen Tonsprache. Und wenn zuletzt der Romantiker das Leben mit einem Septimenakkord, also einem unaufgelösten und schwebenden Zustand vergleicht, gibt der Chor mit ebensolchen Akkorden eine zustimmende aber durch klangliche Überlagerungen auch zweideutige Antwort …

Obwohl er ganz eigene und neuartige Kompositionstechniken entwickelte, hätte sich Johannes Brahms sicher nie zu den Fortschrittlichen seiner Zunft gezählt. Lange Jahre arbeitete er an der Vervollkommnung der Instrumentalmusik, weswegen viele der großen Chorwerke als Vorbereitung für seine Orchesterwerke und Kammermusik gelten. Aus seiner lebendigen Beschäftigung mit dem Volkslied gingen vielfältige weltliche Vokalwerke hervor, denen bedeutende aber nur wenige geistliche Chorwerke gegenüberstehen. Die Sieben Lieder op. 62 entstanden 1874, zwei Jahre vor Abschluss der bahnbrechenden ersten Sinfonie, in einer Zeit, in der Brahms seine kompositorischen Ziele erreicht glaubte. Die Chorlieder basieren auf Aus des Knaben Wunderhorn, altdeutschen Texten sowie Paul Heyses Jungbrunnen und sind wiederholte oder durchkomponierte Strophenlieder – die lange verloren geglaubte Originalhandschrift der vier Heyse-Lieder tauchte übrigens erst im Februar 2009 wieder auf. Musikalisch griff Brahms nicht auf reale Volkslieder zurück, sondern erfand einmal mehr perfekt eingefasste Melodien im volksliedhaften Ton, deren kompositorische Vollkommenheit hinter den feinsinnigen Charakter der Lieder völlig zurücktritt. So wird die Aufmerksamkeit ganz auf die charmant eingekleideten Geschichten und empfindsamen Seelenbeschreibungen gelenkt.

Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Clemens Brentano und Achim von Arnim veröffentlichte Wunderhorn-Sammlung inspirierte auch Gustav Mahler zu einem seiner schönsten Liederzyklen. Er schätzte die Lyrik Friedrich Rückerts, dessen Ich bin der Welt abhanden gekommen zu einem von Mahlers bekanntesten Orchesterliedern wurde; die Stimmung aus Weltflucht und Resignation passt nur zu gut zu dem scheinbar endlos mit sich und der Welt ringenden Sinfoniker. Für den Musikwissenschaftler und Chorleiter Clytus Gottwald, der auch Ligetis Lux Aeterna zur Uraufführung brachte, bot Mahlers Lied Anlass zu einer seiner zahlreichen Transkriptionen für vielstimmigen Chor. Bei diesen Bearbeitungen werden Satztechniken der Orchestermusik auf den Chorgesang übertragen, auch um ihn für die Avantgarde interessant zu machen. Die vier Chöre unserer Bearbeitung stehen sich nicht konzertierend gegenüber, sondern bilden eine „instrumentale“ Einheit, ein sensibles Gewebe aus zurückhaltender Begleitung und mühelos durch alle Stimmen geführter Melodik, jedoch ohne den musikalischen Fluss zu unterbrechen oder Einzelnes übermäßig zu betonen.

Auch das wehmütige deutsche Volkslied Verstohlen geht der Mond auf wurde mehrfach Gegenstand von Bearbeitungen, unter anderem durch Johannes Brahms. Bernd Englbrecht, derzeit Professor an der Hochschule für Musik Detmold, legt seine Fassung als eine gemessene Steigerung an, in der er den Chor vom schlichten vierstimmigen Satz bis zur üppigen Vollstimmigkeit durch die abwechslungsreich geformten Strophen leitet; der jazzharmonisch gefärbte spätromantische Stil wird in Englbrechts Bearbeitung für das melancholische Lied zur stimmigen Umgebung.

von Tobias Gebauer

Eintrittskarten

Eintritt frei für das Konzert am 22. Mai (Kollekte am Ausgang)

Konzert am 23. Mai:
EUR 12 (erm. 6) im Vorverkauf: 0351 – 812 41 02 (Dreikönigskirche DD); Dresdner Neueste Nachrichten (DNN)
EUR 14 (erm. 8) an der Abendkasse


Mitschnitt am 23. Mai durch den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR)

Programmheft als PDF-Datei herunterladen

Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
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