Thüringischer Akademischer Singkreis e. V.     
 

Sächsische Zeitung, 11. Februar 2003

A cappella zum Gedenken

Bewegende Chorkonzerte in zwei Dresdner Kirchen

Von Karten Blüthgen

»Wie liegt die Stadt so wüst« – beinahe unmerklich lösen sich diese Worte aus dem tonalen Dunkel. Zögernd klettern sie ihre Melodie empor und gewinnen, stimmlich angereichert, an harmonischer Kraft, um etwas zu sagen, zu klagen. Kreuzkantor Rudolf Mauersberger schrieb den gleichnamigen Trauerhymnus Tage nach dem Bombenangriff auf Dresden. Die Klagelieder Jeremias als textliche Grunlage intensivieren eher die Erschütterung, als dass sie trösten.

Man erfährt die Musik Jahr für Jahr neu, und es kann keine leichte Aufgabe für einen Kreuzchor von heute sein, komponiertes Leid nachzuempfinden. Umso berührender das Resultat am Sonntag in der gut besuchten Kreuzkirche. Roderich Kreile gelang eine Plastizität, die man hier kaum wohltuend nennen möchte. Der Kreuzkantor wählte ein zügiges Tempo. Die Gestik blieb eher trocken, und es gab kein beschauliches Verweilen auf schönen Harmonien, denn so sind sie nicht gemeint. Mauersbergers Motette bildete das »Vorwort« zu dessen »Dresdner Requiem«, hier begleitet von Bläsern und Perkussionisten der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz. Vor allem das spannungsvolle Wechselspiel von Hauptchor, Altarchor und Fernchor, Kennzeichen des konkreten Raumbezugs, machten auch diese Aufführung eindringlich – bei aller Problematik von Zusammenarbeit und Intonation.

Sollte es einen Kanon geben, aus dem Dresdner Gedenkprogramme regelmäßig schöpfen – Requiem-Vertonungen von Mozart und Brahms, Verdi und Mauersberger, dann kam das Besondere diesmal von Gästen. »Mittem im Leben« hieß das beziehungsreiche Motto, unter dem der Thüringische Akademische Singkreis am Sonnabend in der Dreikönigskirche auf das Gedenken Bezug nahm. Unter Ilse Krüger sang das Ensemble im Festsaal seltene Werke wie Poulencs »Un soir de neige«. Klanglich intensiver und überzeugender wirkte der geistliche Teil im Kirchraum mit Kodalys »Media vita in morte sumus«.