Thüringischer Akademischer Singkreis e. V.     
 

Gmünder Tagespost, 19. Juli 2003

Das Oratorium erzählt die Geschichte

von Rainer Wiese

EUROPÄISCHES KIRCHENMUSIKFESTIVAL / Peter Schreier präsentiert in Schwäbisch Gmünd die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach

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Foto: hie

So kann es nur Peter Schreier. Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion am Donnerstag in Gmünd war ein in jeder Hinsicht besonderes Erlebnis und ein Höhepunkt der europäischen Kirchenmusik.

Peter Schreier war mitten drin. Er sang die ausführliche Evangelisten-Partie und dirigierte Orchester und Chor mitten im Ensemble stehend und meist dem Publikum zugewandt (notabene: ohne Partitur). Schreier erzählte seinem Publikum die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu , aus der frommen Partie wurde Dramatik, das Oratorium zur Szene.

Der Chor, der Thüringische Akademische Singkreis, war mit unerhörter technischer Sicherheit in allen Belangen ein kongenialer Partner, ausdrucksstark, Text bezogen, präzise bis in die kleinste Nuance und von wunderschönem, balancierten Klang: unsentimentale Innerlichkeit in den Chorälen, im Schlusschor, im endgültigen Choral "Ach Herr, lass' dein lieb' Engelein", opernhafte Inszenierung der Volkschöre im Dialog mit Pilatus um das Schicksal Jesu. Da heulte die Wut des Volkes, da triefte die Häme, wenn beim "Sei gegrüßet, lieber Jüdenkönig" sogar die Mimik der Sänger zu Musik und Szene passt.

Die Arien und die Jesus-Worte wurden von Teilnehmern des Meisterkurses gesungen, den Peter Schreier bei dem Europäischen Kirchenmusikfestival gibt. Mit diesem Solisten-Nachwuchs könnte man getrost die Solopartien eines ganzen Oratorien-Jahres besetzen. Keine Ausfälle, wohl aber einige hervorragende Sängerinnen und Sänger, die Sopranistin Amarillis Bilbeny zum Beispiel oder der sängerisch komplette und stimmlich ausgezeichnete Jens Hamann, der zwei Bass-Arien und die Pilatus-Worte sang.

Der Dirigent war Ensemblemitglied und Chef im musikalischen Ring zugleich. Schreier dirigiert energisch und manchmal verblüffend ökonomisch. Da wird das Tempo gegeben, Chor und Orchester in Schwung gebracht und dann "allein gelassen" wie sonst nur Solisten. Schreier greift nur noch ein, wenn er das manchmal etwas blasse Orchester akzentuiert oder exponierte Einsätze markiert. Schreier erreicht eine Spannung, die man für einen Bach-Oratorium nicht für möglich gehalten haben mag. Das ist gut für den Text, das ist für die Musik gut und wird gekrönt von der stimmlich, sängerisch und intellektuell unübertroffenen Darbietung des Evangelisten.

Lang anhaltender Applaus bis zum Abwinken (durch den Meister).