Thüringischer Akademischer Singkreis e. V.     
 

Schwäbische Zeitung, 23. Juli 2003

Thüringischer Akademischer Singkreis bietet anspruchsvolle Chorliteratur

von Helmut F. Sola

ELLWANGEN - Die institutionalisierte "Sommerreise" des Dresdener Singkreises, dieses Jahr mit intensiven Arbeits- und Auftrittsphasen im württembergisch-bayerischen Raum und Konzerten unter anderem in Schwäbisch-Gmünd, Ellwangen, Aalen und Trochtelfingen, erreichte mit dem Ellwanger Konzert einen ihrer Höhepunkte.

Seit Urzeiten wird die menschliche Stimme als das ideale Musikinstrument angesehen. Instrumentenbauer orientieren sich an ihr ebenso wie Instrumentallehrer und Komponisten. Die Verknüpfung des Instrumentes Stimme mit der Möglichkeit, Inhalte in Form von Texten zu transportieren, bildete die Keimzelle eines A-cappella-Programmes, mit dem der Thüringische Akademische Singkreis aus Dresden anspruchsvollste Chorliteratur auf höchstem Niveau darbot.

In Ellwangen mit einem reinen A-cappella-Programm vertreten, glänzte der Chor zuvor schon in Schwäbisch-Gmünd im Rahmen des hochkarätig besetzten "Festival Europäische Kirchenmusik" in Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion unter Peter Schreier. Der überaus runde, ausgewogene Gesamtklang, gekrönt mit der Fähigkeit zu drastischer Schärfe einerseits und verhauchendem Piano andererseits, gestattet es diesem Ensemble, die Literatur aller Epochen überzeugend zu interpretieren.

Mit dem Thüringischen Akademischen Singkreis wird einmal mehr die oftmals gestellte Frage nach dem Sinn der Gründung von Spezialensembles obsolet. Unter der straffen und dennoch hochmusikalisch-kommunikativen Leitung von Ilse Krüger wurde der Chorabend in der leider etwas schwach besuchten Evangelischen Stadtkirche zu einem Kulturereignis mit überregionaler Resonanz. Eine Musikauffassung, die weit über das Beherrschen des Notenmaterials hinausgeht, bietet dem Chor die Möglichkeit zu interessanter Programmgestaltung.

"Schlackenfrei intoniert"

Einer gregorianischen Antiphon, in baritonaler Lage von einer Männerauswahl des Chores schlackenfrei intoniert, folgt das Kyrie aus der Messe für zwei vierstimmige Chöre des zeitgenössischen Schweizers Frank Martin. Martin schuf dieses Opus in den Jahren 1922 - 1929, eine Aufführung gestattete der selbstzweiflerische Komponist aber erst 1963. So hat ein Chor die vielfältigen stilistischen Einflüsse und Brüche dieser Komposition gehaltvoll darzustellen.

Aber der Thüringische Akademische Singkreis beschäftigt sich schon seit der Wahl von Ilse Krüger zur künstlerischen Leiterin mit neuer und neuester Musik. Die Münchnerin nutzt die Wechselwirkungen zwischen alten und zeitgenössischen Chormusikformen, wenn sie, wie vor drei Jahren in Nördlingen zu hören, Knut Nystedts "Immortal Bach" interpretiert und damit eine erste exzellente Visitenkarte abgegeben hat. Nicht erstaunlich ist auch, dass für dieses Jahr Ligetis "Lux aeterna" auf dem Arbeitsplan steht. Dieses epochale Werk hat sich vollständig von tonalen Fixpunkten gelöst.

In der hochdramatischen Motette über den 22. Psalm "Mein Gott, warum hast du mich verlassen" gelang dem Chor dann auch jene Intensität und Eindringlichkeit, die dem oft mit falsch verstandener Süßlichkeit überzuckerten Oeuvres Mendelssohn-Bartholdys seine Authentizität wiedergibt.

Mit dem Chor reiste der 1976 geborene Organist Johannes Unger. Seine wenigen Stücke ließen aufhorchen. Mit internationalem Esprit (die holländische Musizierfreude eines Ton Koopman war dezent zu entdecken), völlig divergent zu früheren, einer spezifisch DDR-deutschen Bachtradition entstammenden Musikern, gestaltete er sowohl Bachs oft abgenudelte, aber hochvirtuose Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 wie auch zwei inhaltlich etwas banalere Werkpaare von Camille Saint-Saens, dessen Präludien mit Fugen in E und Es-Dur Opus 99 Nr. 1 und 3, mit zupackendem Engagement.

Er machte mit erfrischender Leichtigkeit deutlich, dass Organisten seines Könnens über die eine oder andere Schwäche eines Instruments hinwegspielen können, und dass auch bei Orgelmusik immer noch der Musiker im Vordergrund steht - und auch stehen sollte.