Thüringischer Akademischer Singkreis e. V.     
 

Dresdner Neueste Nachrichten, 26. Juli 2004

Religiöse Themen im Wandel der Zeiten

Thüringischer Akademischer Singkreis bot wohldurchdachtes Programm in der Dreikönigskirche

von Gerhard Böhm

Auf seiner diesjährigen Sommerreise durch die Wettinerstädte Sachsens machte der Thüringische Akademische Singkreis natürlich auch in Dresden Station. Torgau, Meißen-Zscheila, Nossen, Riesa, Dippoldiswalde und Freiberg wurden schon besucht, Meißen (St. Afra) und Moritzburg standen noch bevor. Der mittlerweile 35 Jahre alte Kammerchor ist seiner landschaftlichen Bindung längst entwachsen. Die wenigsten kommen aus dem Gründungsland, die meisten aus den östlichen Bundesländern.

Das Sommernachtskonzert in der Dreikönigskirche bot ein wohldurchdachtes, dabei abwechslungsreiches Programm geistlicher Chormusik von der Renaissance bis zur Gegenwart. Thematische Bindung in stilistischer Vielfalt garantierte einen sehr anregenden, lebendig-farbigen und spannungsvollen Ablauf, der „Glaubenszeugnisse in Wandel der Zeit“ plastisch erlebbar machte. So war zum Beispiel der erste Abschnitt dem Marienlob in vierfacher Gestalt gewidmet. Bruckners Motette „Ave Maria“ offenbarte sogleich die hervorragenden Eigenschaften des bestens geschulten Singkreises: große Ausgeglichenheit des Chorklangs, mühelose Intonationssicherheit, flexible, ausdrucksstarke Ausprägung der Inhalte, natürlich-plastische Textbehandlung, geschmackvolle Stilistik.

Unter der Leitung Ilse Krügers hat sich der Chor neue Bereiche erschlossen. Dabei sind auch die dirigentischen Gesten fordernder, zwingender geworden, der Chorklang intensiver, differenzierter. Gegen Bruckner setzte sich Josquin Desprez’ „Ave Maria“ wunderbar fließend in seiner beherrscht natürlichen Emotionalität und klaren Struktur ab.

Starke Eindrücke hinterließ Knut Nystedts achtstimmiger (!) Chor von 1986, den der Norweger keineswegs nordisch-kühl, sondern intensiv-ausdrucksstark und kontrastreich in gemäßigt moderner Musiksprache angelegt und durch eine konzertierende Violine, von der Chorsopranistin Sandra Zempel überlegen gestaltet, vertiefend bereichert wurde. Allein die hoch engagierte Wiedergabe dieses nahegehenden Stücks hätte den Konzertbesuch schon gelohnt. Schließlich rundete Johannes Unger mit Regers eher behutsam und farbig subtil registrierter Orgelfassung den ersten Themenkomplex meditativ ab.

Werke von J. Walther (Ein feste Burg) und J. H. Schein (116. Psalm) führten zu zwei Credo-Vertonungen, welche die Spannweite zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert (Frank Martin) exemplarisch aufzeigten. Ähnlich angelegt die Schlussgruppe (Pater noster), angefangen mit der lebendig und klangfreudig musizierten zweichörigen Gallus-Motette über die asketische Strenge des neoklassizistischen Strawinsky von 1926 bis hin zum klangprächtigen, vier- bis achtstimmigen hochromantischen Satz Liszts, womit sich der Kreis zu Bruckner sinnfällig schloss. Die ausgezeichnete Visitenkarte des TASK fand Ergänzung durch zwei Zugaben sowie durch eine überlegene Deutung von Präludium und Fuge C-Dur BWV 547 von Bach durch Johannes Unger.