Thüringischer Akademischer Singkreis e. V.     
 

Dresdner Neueste Nachrichten, 22. November 2005

Ausdruckstiefe, chorische Geschlossenheit

von M. Hanns

In der langen Reihe der in jedem Jahr wiederkehrenden Aufführungen von Brahms' "Ein deutsches Requiem" beim Dresdner Kreuzchor am Ewigkeitssonntag gehörte dieser Jahrgang zu den besonders guten. Ihre betroffen machende Wirkung, die zwischen der Mildes des Trostes in den "Seligpreisungen", in der alle Trauer und aller Schmerz dieser Welt aufzugehen schien, und der Furcht vor dem Ende "Nun Herr, wes soll ich mich trösten" pendelte, gewann die Interpretation in der Kreuzkirche vor allem aus der ausdruckstiefen, chorischen Geschlossenheit, aus der nie erlahmenden emotionalen Brisanz. Die Verstärkung des Dresdner Kreuzchores durch Mitglieder des Thüringischen Akademischen Singkreises tat der Wiedergabe nur wohl. Kreuzkantor Roderich Kreile ließ ein homogenes Klangbild entstehen, baute auf dynamische und klangliche Schattierungen und auf einen direkten, stets stimmigen Ausdruck. Man hielt den Atem an, als aus der düsteren Vision des 2. Satzes plötzlich die durch nichts zu trübende Zuversicht in "Aber des Herren Wort" mit eherner Gewissheit erschien oder auch in dem geradezu trotzigen Aufbegehr der Frage "Tod, wo ist dein Stachel". Wunderbare Klarheit atmeten die Fugen. Inniger und in sich ruhender kann man den Satz "Wie lieblich sind deine Wohnungen" nicht singen.

Hingebungsvoll, mit prachtvollen Einzelleistungen (Klarinetten) und vorzüglicher orchestraler Ausgewogenheit, inspiriert bis ans letzte Pult, absolvierte die Sächsischen Staatskapelle ihren Part. Ein klarer, schön timbrierter Sopran steht Elisabeth Scholl zur Verfügung, der sie das heikle Solo "Ihr habt nur Traurigkeit" völlig problemlos bewältigen ließ. Andreas Scheibner und das Brahms-Requiem - dies ist eine Verbindung, die immer wieder für zu Herzen gehende Auseinandersetzungen gut ist. Mit seiner ganz eigenen, aus Hunderten heraus erkennbaren Stimme ist er ein Meister der Charakterisierungskunst. Auf sehr persönliche Weise in die tiefsten Dimensionen dieses Werkes eindringend, bescherte er auch diesmal eine Interpretation, die man nicht vergisst.