Thüringischer Akademischer Singkreis e. V.     
 

Sächsische Zeitung, 28. November 2006

Nach den Tränen ein Licht

Von Karsten Blüthgen

Konzert. Der Dresdner Kreuzchor gestaltet das Brahms-Requiem.

Am Totensonntag war die Dresdner Kreuzkirche beinahe bis auf den letzten Platz besetzt. Tausende versammelten sich vor dem Deutschen Requiem, hielten inne, ließen Brahms’ tröstliche Schwermut einwirken wie ein Balsam. Die nächsten Wochen werden schriller klingen.

Vor dem Weihnachtstaumel mit erhobenem Zeigefinger Schicksals-Stimmung verordnen – dies war Roderich Kreiles Sache aber nicht. Von Anbeginn diesseitig, bejahend musizieren ließ der Kreuzkantor die Dresdner Philharmonie und seinen Kreuzchor, erweitert durch den Thüringischen Akademischen Singkreis. Der Eröffnungssatz „Selig sind, die da Leid tragen“ gewann rasch Kontur. Eher verhalten im Tempo, besaß dieser Eintritt doch viel Dynamik und Bestimmtheit; der Blick war weniger auf den Moment der Tränen als auf ein Danach gerichtet. Ein Satz ohne Geigen – und daher ungemein hell.

Und das Wort war nur Klang

Die große Intensität hielt nicht über alle Abschnitte, manche Passage wirkte eher routiniert als gründlich ausgearbeitet, das philharmonische Holz fabrizierte auch unsaubere Schlüsse. Bei all dem war es doch eine dem Anlass würdige, auf hohem Niveau angesiedelte Interpretation. Harmonisch fügten sich die Solisten ins Ensemble: Camilla Nylund gab ihrem Sopran schöne Kontur und angenehm matten Glanz, Bassist Andreas Scheibner überzeugte abermals mit markanter Deklamation. Die Chorsätze gelangen sauber; Kraft für effektvoll-gewaltige Steigerungen war stets gegeben – bis hin zu Kreiles eigenwilliger, unmissverständlicher Darstellung des Jüngsten Gerichts.

Der Tod wurde förmlich niedergesungen. „Hölle, wo ist dein Sieg“ – die Worte fielen abgesetzt wie herbe Schläge. Es war die einzige Stelle, wo das Wort nur Klang und nicht zu verstehen war. Hier war es so gewollt.