Thüringischer Akademischer Singkreis e. V.     
 

Dresdner Neueste Nachrichten, 28. November 2006

Requiem in der Kreuzkirche

Aller Trost der Welt

Von M. Hanns

Johannes Brahms war ein tiefgläubiger Mensch, einer, der täglich in der Bibel las, für den die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit menschlichen Lebens eine ganz persönliche Angelegenheit war. Die Texte für sein "Deutsches Requiem" stellte er selbst zusammen. Er schrieb kein katholisches Totenamt, sondern er wollte eines: Trost spenden. Und genau aus diesem Kontext war die Interpretation des Dresdner Kreuzchores unter Kreuzkantor Roderich Kreile geboren. So brisant und intensiv sind selten die Gefühlswelten des Werkes herübergekommen - der abgrundtiefe Schmerz, das Grauen der "Zeit der letzten Posaune", die Zuversicht der "lieblichen Wohnungen" und der durch nichts zu erschütternde Trost der "Seligpreisungen". Hier durfte man sich geborgen fühlen.

Musikalisch überzeugte die Wiedergabe absolut - dicht, ausgewogen im Klang, sorgfältig in der Artikulation. Seit Jahren wird der Thüringische Akademische Singkreis für die Aufführung des Brahms-Requiems hinzugezogen. Beide Chöre verschmelzen immer mehr miteinander und bilden eine sehr gute stimmliche Grundlage. So erklang die Gewissheit "Aber des Herren Wort" in ihrer ganzen erhabenen Größe, faszinierte die präzise ausgeleuchtete Fugenstruktur "Herr, du bist würdig" des 6. Satzes. Kreuzkantor Roderich Kreile wählte angemessene Tempi und einen äußerst sensiblen Umgang mit Klangschattierungen. Man erlebte eine in sich geschlossene, ergreifende Interpretation. Daran hatte natürlich die Dresdner Philharmonie mit ihrem geschmeidigen, wohl akzentuierten orchestralen Klang einen erheblichen Anteil. Und die Solisten! Camilla Nylund wob innig und mit Sopranschmelz die lichte Vision "Ihr habt nur Traurigkeit" - da blieb kein Wunsch offen. Wie oft ich Andreas Scheibner schon mit dem Bariton-Part des Brahms-Requiems gehört habe - ich weiß es nicht. Aber es ist jedes Mal anders, ganz persönlich, von innen heraus überzeugend, stimmlich und gestalterisch optimal. Als er nachdenklich zwischen Verzagen und Hoffnung schwankend "Herr, lehre doch mich" anstimmte, hielt man den Atem an.