Thüringischer Akademischer Singkreis e. V.     
 

Leipziger Volkszeitung, 30. Juli 2007

Kniefall

MDR-Musiksommerreihe »Bach und seine Städte« endet in der Leipziger Thomaskirche mit Buxtehudes »Membra Jesu nostri«

von Birgit Hendrich

Es gibt keine Pause. Und auch keinen Sekt, wie sonst bei den MDR-Musiksommer-Veranstaltungen. Dafür kann man am Samstagabend in Leipzigs Thomaskirche Geschichte atmen. Schließlich findet das letzte Konzert der Musiksommer-Reihe »Bach und seine Städte« in Johann Sebastians letzter Wirkungsstätte statt. An seinem 257. Todestag. Mit Kantaten des großen Meisters, die schon mit ihren Titeln »Ich armer Mensch, ich Sündenknecht« BWV 55 und Actus tragicus BWV 106 um Ehrfurcht bitten.

Und passend zum Buxtehude-Jahr gibt es auch noch dessen Passionsmusik »Membra Jesu nostri« BuxWV 75, nicht zufällig das oratorische Hauptwerk des Lübecker Bach-Vorbilds. Geschichtsträchtiger geht's wohl kaum. So gibt es vom andachtsvollen Publikum im ausverkauften Kirchenrund keinen Zwischenapplaus. Und auch die Musiker im Altarraum legen einen Kniefall hin - mir viel frischem Wind und herrlich entstaubter Barockmusik.

Nach David Timms unprätentiösem Choralvorspiel BWV 668 »Vor deinen Thron tret' ich hiermit« auf der Bach-Orgel belohnt allein schon Christoph Genz in Bachs Solokantate BWV 55 die Zuhörer fürs Kommen. An seinem herrlich geschmeidigen und strahlenden Tenor kann man sich gar nicht satt hören. Elegant und sensibel gestaltet er seine Rezitative und Arien - zum Dahinschmelzen.

David Timm ist kurzfristig für den erkrankten Thomaskantor Georg Christoph Biller eingesprungen. Was Chor, Orchester und Solisten unter seiner Leitung aus Buxtehudes sieben nicht gerade kurzweilig zu nennenden »Membra Jesu nostri«-Kantaten herausholen, ist grandios.

Der Thüringische Akademische Singkreis präsentiert einen reifen, schlanken und volltönenden Chorklang. Hervorragende Artikulation und feingliedrige Akzentuierung lassen Buxtehudes Chöre swingen oder auch schlicht verhallten. Das La Stagione Consort vereint Alte-Musik-Spezialisten, die die Vokalisten einfühlsam und virtuos begleiten und in den Sonaten mit farbenfrohem Spiel auftrumpfen. Bei den flotten Tempi stellt sich nie Flüchtigkeit ein sondern stets wohltuende feierliche Leichtigkeit.

Mit Genz' Besetzung im Solistenquintett ist die Messlatte ganz hoch geschraubt. Christine-Maria Rembeks strahlender Sopran kann da ganz gut mithalten, auch wenn sie zuweilen über ihre eigene selbstverliebte Koketterie stolpert, was auf Kosten des Textverständnisses geht. Gesine Adlers eher herb gefärbter Sopran bildet da einen reizvollen Kontrast. Außerdem punktet sie mit einer geradlinigen Stimmführung und einfühlsamer Gestaltung. Alexander Schneider ist kurzfristig für den Altus Matthias Rexroth eingesprungen und gibt sich alle Mühe. Ein paar schöne Ansätze sind zweifellos vorhanden, aber in den Höhen ist er viel zu schrill. Gotthold Schwarz' klangschöner, warmer Bass ist immer eine sichere Bank auch wenn ihm für diesen Part die profunde Tiefe fehlt.

In Bachs Actus tragicus »Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit« beweist der Thüringische Akademische Singkreis, dass Barock nicht gleich Barock ist. Und dass Buxtehude anders klingt als Bach.

Schließlich entlädt sich im Publikum die über zwei Stunden angestaute Energie in nicht enden wollendem, begeisterten Beifall. Dankbarkeit ist ja irgendwie auch ein Zeichen für Ehrfurcht.