Thüringischer Akademischer Singkreis e. V.     
 

Thüringer Allgemeine, 6. August 2007

Geniale Dramaturgie

von Dieter Albrecht

Der Thüringische Akademische Singkreis ist am Freitagabend in der Kirche Divi Blasii aufgetreten. Das Konzert umspannte einen Zeitrahmen von beinahe 500 Jahren und forderte das Verständnis jener Hörer heraus, die mit modernen musikalisch-szenischen Mitteln weniger vertraut sind.

MÜHLHAUSEN. Geleitet von Jörg Genslein, begann der Spitzenchor mit einer vierstimmigen Motette von Giovanni Pierluigi da Palestrina. Die ruhig dahinfließende Polyphonie boten die Sängerinnen und Sänger meisterhaft durchsichtig dar. Technische Akuratesse und tiefes Einfühlen in die Intentionen des Komponisten sind bei diesem Chor nahezu vollendet ausgeprägt. Was in Renaissance und Frühbarock selbstverständlich war, später aber verloren ging, demonstrierten die Vokalisten überzeugend: Das wohldurchdachte Spiel mit der Akustik des Raums, indem mehrere Chöre an unterschiedlichen Plätzen in der Kirche aufstellt sind.

Einen ersten Eindruck von den sich daraus ergebenden künstlerischen Möglichkeiten vermittelte die Motette für zwei vierstimmige Chöre "Super flumina Babylonis" (An den Flüssen Babylons) von Tomás Luis de Victoria (gestorben 1611). Sieht man von dem von draußen eindringenden Verkehrslärm ab, ergab sich ein höchst beeindruckendes Erlebnis dank der frappierenden räumlichen Wirkung. Äußerst kunstvoll war das, ohne mit dem Prädikat "virtuos" abgestempelt werden zu müssen. Die lichten, im Forte nie forcierten Soprane und die wirklich schwarzen und gleichzeitig schlanken Bässe sind Markenzeichen des Chors. Irgendwie ging ein sanftes Strahlen von diesem kultivierten, niemals gekünstelten Chorgesang aus, so auch, als Melchior Francks vierstimmige Motette "Jedermann gibt zum Ersten guten Wein" erklang.

Aufmerken ließ die unerwartete Modernität dank der chromatischen Fortschreitungen in Johann Hermann Scheins geistlichem Madrigal "Die mit Tränen säen". Ein kontrastreich interpretiertes Werk, nicht zuletzt durch die unerwartete Schärfe, die der Sopran eben auch einzusetzen versteht. Ein wohldurchdachter Kunstgriff ließ Genslein nicht etwa über die Romantik zur Moderne schreiten. Nein, auf Frühbarockes folgte das 20. Jahrhundert. Allerdings nicht, ehe Johannes Unger ein ebenfalls ungewöhnliches Werk Johann Sebastian Bachs auf der Orgel gespielt hatte. Während dessen Präludien und Toccaten gewöhnlich ein Formenpaar mit der nachfolgenden Fuge bilden, hat Bach hier zwischen Toccata und Fuge ein Adagio geschoben (C-Dur, BWV 564). Die unbekümmert präludierende Toccata findet spät zur Mehrstimmigkeit und erinnert sehr an den Duktus der Werke aus der Weimarer Zeit.

Für einige Hörer sicherlich an eine Zumutung grenzend, war das, was folgte, für andere der Höhepunkt: die Motette "As I Crossed a Bridge of Dreams" von Ann Boyd (geboren 1946) und dann von Sylvano Bussotti (geboren 1931) "Lacrimae" (Tränen) - un balletto per ogni voce (Ein ideales Ballett für jede Stimme). Während Boyds Motette - räumlich in drei Chöre gegliedert - noch mehr als das zweite Werk des Abends transzendente Traumwirklichkeiten schuf, ist Bussottis "Lacrimae" ein experimentelles Werk, das ein gewisses Maß an Unvoreingenommenheit voraussetzt. Da wandern die Sänger einzeln durch den Raum, treten in Beziehung zueinander und zu den Hörern. Unzusammenhängendes ordnet sich auf recht absurde Weise aber doch noch zu einem Ganzen.

Das sich nahtlos anschließende "Solfeggio" Arvo Pärts - den Text bilden Solmisationssilben - leitete schließlich zurück zum Gewohnten. Noch ein moderner, aber gut strukturiert erscheinender Satz für Orgel von Manfred Kluge (1928 - 1971), und dann kam die alles versöhnende Romantik mit dem Trauergesang op. 116 von Felix Mendelssohn Bartholdy und mit Johannes Brahms´ Motette "O Heiland, reiß die Himmel auf". Und als Zugabe "Der Mond ist aufgegangen". Jetzt fand der während des Konzerts reichlich gedehnte Spannungsbogen zum Punkt Null zurück. Es war ein Konzert, das nicht nur durch das sängerische Können und tiefes künstlerisches Verständnis der Musiker geprägt war, sondern eben auch durch eine geniale Dramaturgie.