Thüringischer Akademischer Singkreis e. V.     
 

Dresdner Neueste Nachrichten, 26. Juli 2010

Blechbläser und a cappella

von M. Hanns

... Wer wieder einmal bis in den letzten Zipfel stimmigen, ohne Einschränkungen tragfähigen a cappella-Gesang erleben wollte, der war ... in der geistlichen Sonntagsmusik am rechten Fleck. Natürlich – es weilte ja auch der Thüringische Akademische Singkreis, seit 2008 unter der Leitung von Jörg Genslein stehend, zu Gast. Und für diesen ist vorbildlicher a cappella-Gesang eine Haupttugend. Dazu kommen noch intonatorische Souveränität und ein wundervoll durchsichtiger, federnder Chorklang – kurz Chorgesang der Spitzenklasse.

Das diesjährige Sommerprogramm – man kann es u.a. noch am 28.7. in Meißen und am 29. 7. in Pirna erleben – ist ausgesprochen schön und anspruchsvoll. Auch das war von diesem Ensemble nicht anders zu erwarten. Man begann mit zwei Vertretern der fünften Generation von Renaissance-Komponisten: Palestrina und de Lassus. Von ersterem stammt die 1562 entstandene Missa Papae Marcelli (also eine dem Papst Marcellus II. gewidmete Messe), in der sich Palestrinas meisterhaft beherrschte polyphone Satztechnik und tiefgehender Ausdruck aufs Beste verbinden. Der TASK sang das Kyrie und am Ende des Konzertes auch noch das Agnus Dei frisch wie präzise, plausibel noch in den feinsten Verästelungen.

In anrührender Schlichtheit kam der Klagegesang „Timor et tremor“ (Furcht und Zittern) von Roland de Lassus zu Gehör. Dieser Fassung stand die kraftvolle, spröde Version des gleichen Textes von Francis Poulenc aus dem 20. Jahrhundert gegenüber – eine reizvolle Programmidee, die auch viel von der stilistischen Sicherheit des Chores verriet.

Es ist bekannt, dass Brahms sich sehr den alten Meistern, wie Bach oder Palestrina, verbunden fühlte und diese ausführlich studierte. Bevor es an die Sinfonien ging, schrieb er 1856 in herb-strenger Kontrapunktik eine Missa canonica für vier – bis sechsstimmigen Chor, aus welcher die Gäste ebenfalls das Agnus Dei ausgewählt hatten. Die Schlichtheit der Wiedergabe, ihre Genauigkeit und vor allem das Milde des im Nichts verlöschenden „Dona nobis pacem“ wird man nicht so leicht vergessen. Und was hat der TASK für herrlich leuchtende Chorsoprane, die sich über das absolut homogene Klangfundament wölben!

Höhepunkt für mich: Mahlers todernstes Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, für das Clytus Gottwald eine klanglich heikle Bearbeitung für vier miteinander verschmolzene Chöre geschaffen hat. Der TASK bewältigte diese Anforderung makellos, drang in tiefste Ausdrucksregionen vor, ohne pathetisch zu werden, legte flexibelste Klangentfaltung an den Tag - eine Interpretation der Weltflucht von visionärer Kraft.